06.02.2010

Psychische Erkrankungen Armeeangehöriger

Was auf unsere Gesellschaft zukommen wird

Seit dem Jahr 2002 ist die Bundeswehr in Afghanistan engagiert. Wie auch immer die Politik es sprachlich verbrämt: In Afghanistan herrscht Krieg, und deutsche Soldaten und Soldatinnen sind mittendrin. Der Krieg verändert die Menschen und in der Folge auch die Gesellschaft. Vor dem Hintergrund bereits eingetretener und noch zu erwartender psychischer Erkrankungen gibt die massive psychiatrische Unterversorgung der Armee zu denken.
Anschlag auf deutsche Soldaten
picture-alliance/ dpa (c) dpa
Angesichts zahlreicher traumatisierender Erlebnisse gibt Anlass zur Sorge, dass zurzeit 50% der Psychiaterstellen der Bundeswehr nicht besetzt sind.
Die psychischen Belastungen und daraus oftmals resultierende Störungen von Armeeangehörigen und ihren Familien sind an sich nichts Neues. Dass das Problem inzwischen auch in der deutschen Gesellschaft angekommen ist, zeigte die Sendung  „Kontrovers“ des Bayerischen Rundfunks vom 2.12.2009 („Traumatisiert und Alleingelassen“) auf. Darin wurde in beeindruckender Weise das Schicksal zweier Bundeswehrangehörigen thematisiert, die nach mehrfachen Suizidversuchen nach Auslandseinsatz und Ausscheiden aus dem aktiven Dienst offenbar durch alle Maschen des Versorgungsnetzes gefallen sind.

Gewalt setzt sich im Zivilleben fort

Beiträge in den Medien der letzten Monate verdeutlichen, wie sich die im Einsatz erlebte Gewalt im Zivilleben fortsetzen kann. So finden sich in einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) über das Attentat des muslimischen Militärpsychiaters Nidal Malik Hasan im US-amerikanischen Stützpunkt Fort Hood alarmierende Fakten. In der Siedlung Killeen, in der die meisten Soldaten des Stützpunktes mit ihren Familien leben (ca. 100 000 Einwohner), haben laut SZ die Meldungen über häusliche Gewalt seit Beginn des Afghanistankrieges um 75 % zugenommen. Verschiedene Kennziffern über den Anstieg von Gewaltkriminalität sind um 22 % gestiegen, in vergleichbaren Gemeinden landesweit jedoch um 7 % gesunken. Die schulischen Leitungen der Kinder haben deutlich ab- und auffälliges Verhalten deutlich zugenommen, so der Bericht [1].

Vergewaltigungen im Dienst

Die SZ berichtete auch über Vergewaltigungen innerhalb der US-amerikanischen und israelischen Streitkräfte. Gerade innerhalb Israels werde das Problem absolut tabuisiert, da die Armee als untadelig und unantastbar in ihrem gerechten Krieg zur Selbstverteidigung der Nation gelte.
Bereits nach dem Vietnamkrieg wurde festgestellt, dass 20 % der Soldatinnen von einer einmaligen Vergewaltigung, 5 % von wiederholten und 5 % von Vergewaltigung durch mehrere Armeeangehörige im Dienst berichteten. Nach dem Ausscheiden aus dem militärischen Dienst litten diese Frauen gehäuft unter psychischen und körperlichen Erkrankungen. Diese Zahlen haben sich in anderen Untersuchungen bestätigt [6, 7]. In einer kleinen Untersuchung berichteten 37 von 92 männlichen Soldaten (also über 40 %) von sexuellen Übergriffen gegenüber ihren Partnerinnen. Diese Männer litten zusätzlich unter PTBS, Depressionen oder Substanzmissbrauch [8].

Was auf unsere Gesellschaft zukommt

Es liegt eine Reihe US-amerikanischer und kanadischer wissenschaftlicher Arbeiten vor, die diese alarmierenden Meldungen unter­streichen. Es ist also absehbar, was auf unsere Gesellschaft zukommen wird. So ergab eine Unter­suchung an insgesamt 289 328 US-amerikanischen Armeeangehörigen, die von 2002 bis 2008 im Irak oder in Afghanistan eingesetzt waren, erschreckende Zahlen [2]:
Diese Zahlen wurden in ähnlich angelegten Studien bestätigt.
Eine Studie zur Hospitalisierungsrate US-amerikanischer Soldaten und Soldatinnen im Jahr 2004 ergab 1984 stationär-psychiatrische Behandlungsfälle nach Einsatz im Irak oder in Afghanistan. Junge Soldaten und weibliche Armeeangehörige zeigten die meisten psychischen Auffälligkeiten (Substanzmissbrauch, Suizidversuche) [3]. In einer großen Auswertung der Suizidstatistik der USA (2003 bis 2006) zeigte sich, dass junge (18 bis 34 Jahre) Veteranen (Männer und Frauen) die größte Gruppe an Selbsttötungen mit Schusswaffengebrauch stellten [4]. Im Vergleich zu Gesunden sind Soldaten, die unter einer PTBS leiden, fünf- bis siebenmal häufiger (je nach Komorbidität) von Suizidfantasien betroffen [5].

Behandlungs- und Betreuungsansätze

Aber auch über mögliche Behandlungs- und Betreuungsansätze der psychischen Störungen von Armeeangehörigen wurden in der Vergangenheit bereits wertvolle Daten und Erkenntnisse erzielt. Natürlich steht ein direkter, schneller und unbürokratischer Zugang zu spezifischen Behandlungsmöglichkeiten, seien diese zentralisiert oder wohnortnah gelegen, für erkrankte Soldaten und Soldatinnen im Vordergrund. Innerpsychische Faktoren, Hilfen nicht in Anspruch zu nehmen, sind zu beachten. Hauptsächlich zum Tragen kommen Verdrängung, d.h. Leugnen, überhaupt Hilfe zu benötigen, und ein permissives soziales Umfeld, in dem psychische Erkrankungen als Zeichen einer Charakterschwäche gewertet werden.
75 % der an einer PTBS erkrankten Soldaten, die verheiratet sind oder in eheähnlicher Gemeinschaft leben, berichten über ausgeprägte familiäre Konflikte. Psychische Probleme bei Ehegatten von Kriegsteilnehmern traten in ähnlicher Häufigkeit auf wie bei den Soldaten selbst. Bei den erkrankten Ehegatten war die Hemmung, entsprechende Hilfen in Anspruch zu nehmen, jedoch deutlich geringer als bei den eine Stigmatisierung befürchtenden (Karrierehemmnis) Soldaten. Bei den erkrankten Soldaten wurden als Hemmnis, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben, fehlende Informationen über die PTBS und die Furcht vor einer Invalidisierung durch stationäre Behandlungskonzepte genannt [9–11].

Generationenübergreifende Traumatisierung verhindern

Soldaten, die sich nach dem Einsatz von ihren Partnerinnen trennten oder dies beabsichtigen, berichteten häufig (53%) von gewalttätigen Auseinandersetzungen. 27% berichteten, ihre Partnerin fürchte sich vor ihnen. Es ist davon auszugehen, dass die Angst der Mütter einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Kinder erkrankter Soldaten hat. Es sollten also entsprechende therapeutische Konsequenzen gezogen werden, um eine generationenübergreifende psychische Traumatisierung wenigstens so gut wie möglich einzudämmen [12].
Intakte familiäre Strukturen sind ein wichtiger Faktor, um Symptome einer PTBS bei Soldaten abzumildern. Deshalb sollten Hilfe und Unterstützungsmöglichkeiten gezielt für Angehörige aufgebaut und vorgehalten werden [13].

Dramatische Unterversorgung

Anlass zur Sorge gibt, dass zurzeit 50 % der Psychiaterstellen der Bundeswehr nicht besetzt sind. Finanzielle Anreize wie 600 € mehr Sold im Monat haben die Stellenunterbesetzung nicht verbessern können. Da die Psychiatrie bereits im zivilen Bereich wie kaum ein anderes Fach unter Nachwuchsmangel leidet, sind inno­vative Konzepte und substanzielle Verbesserungen zur psychiatrischen truppenärztlichen Versorgung notwendig.
Sollte nicht alles getan werden, um eine psychiatrische Versorgung und Betreuung der Soldaten und Soldatinnen sowie deren Angehörigen zu gewährleisten, werden Suizide nur der augenfälligste Teil der massive Probleme sein, auf die wir uns werden einstellen müssen.
Vonseiten des Bundesverteidigungsministeriums wird ebenfalls ein erhöhter Handlungsbedarf gesehen, die bisherigen Strukturen der truppenärztlichen Versorgung seien hierfür jedoch ausreichend, auf die eklatante fachärztliche Unterbesetzung wird nicht eingegangen [15]. Noch Anfang 2009 scheiterte eine Initiative des damaligen Verteidigungsministers, den Berufsverband der Psychotherapeuten auf die Versorgung erkrankter Soldaten einzuschwören. Von weiteren Initiativen ist nichts bekannt.
[Dr. med. Thomas Lukowski]
 
Literatur in der nebenstehenden PDF-Datei.


PDF-Datei 02/2010, S. 22-25

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